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Stellungnahme von Manne Lucha für die Schwäbische Zeitung zur Rolle von Mädchen beim Rutenfest

Die Schwäbische Zeitung Ausgabe Ravensburg hat mich um eine Stellungnahme zur Rolle der Mädchen beim Rutenfest gebeten. Hier der vollständige Text.

 

Werden Schülerinnen beim Rutenfest diskriminiert allein wegen ihres Geschlechts? Die heftige Debatte darüber ist meiner Meinung nach so lange nicht zielführend, solange die Kontrahentinnen und Kontrahenten nicht bereit sind, verbal abzurüsten. Ich beobachte mit einiger Verwunderung, wie wenig souverän selbst auf höchst moderate Veränderungsvorschläge reagiert wird. Ganz so, als hätte es in früheren Zeiten keine Veränderungen beim Rutenfest gegeben.

 

Aber auch bei denen, die Veränderungen fordern, wird verbal übers Ziel hinausgeschossen, indem manche beispielsweise der Gegenseite pauschal Frauenfeindlichkeit und reaktionäres Spießertum unterstellen. So werden auch diejenigen verschreckt, die zum Dialog bereit sind. Eine Auseinandersetzung auf diesem Niveau hat das Rutenfest nicht verdient.

 

Worum geht es im Kern? Über 100 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts waren und sind auch die vergangenen Jahrzehnte noch immer gekennzeichnet von dem permanenten Bemühen und Ringen um eine echte Gleichstellung von Frauen und Männern. Es wurde vieles erreicht, das Ziel einer kompletten Gleichstellung jedoch leider noch nicht.

 

Deshalb ist es im Hinblick auf die noch bestehenden Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten legitim und dringend nötig, auch traditionelle Rituale wie beim Rutenfest auf den Prüfstand zu stellen und sie ebenso zeitgemäß wie geschlechtergerecht zu reformieren. Bezogen auf das Ravensburger Rutenfest gibt es dazu bereits eine Vielzahl guter Ideen, allen voran von Eva-Maria Komprecht, der städtischen Gleichstellungsbeauftragten (siehe Schwäbische Zeitung vom 14. Januar). Ich unterstütze Frau Komprecht ausdrücklich bei ihren klugen Vorschlägen, wie Mädchen stärker präsent werden könnten beim Rutenfest.

 

So könnten Schülerinnen eine neue, eigene, historisch belegte Gruppe ins Leben rufen. Am Anfang sollte aber stehen, dass wir die jungen Frauen an den Ravensburger Schulen direkt fragen, welche Beteiligungsformen sie für sich selbst wünschen. Ob sie beispielsweise die Trommlergruppen mitwählen oder eigene Gruppen bilden wollen. Und es muss offen thematisiert werden, welches längst überkommene, herabwürdigende Frauenbild durch manche Rituale junger Männer zum Ausdruck gebracht wird.

 

Die jungen Menschen, die bereit sind, über Veränderungen beim Rutenfest ernsthaft und besonnen nachzudenken und zu diskutieren, tun dies, weil sie dieses Fest lieben. Wir sollten sie unterstützen. Ich schlage deshalb vor eine von Eva-Maria Komprecht geleitete Clearingstelle einzurichten, an der unter anderem das Jugendreferat, die Rutenfestkommission, Vertretungen der Schülerinnen und Schüler sowie Trommlergruppen beteiligt sind. Diese könnte den Reformprozess in Gang bringen, steuern und zu einem guten Ergebnis führen.

 

Das Ravensburger Rutenfest ist ein Fest, bei dem auf wunderbare Art und Weise aus der Bürgerschaft heraus das Private öffentlich wird. Das gelingt nur bei Wertschätzung und Augenhöhe aller Beteiligten – deshalb ist die Zukunftsfähigkeit der Schülergruppen so wichtig.